17. Nov. 2016

Indirekte SAP Nutzung: Wie Sie den roten Faden finden

Dave Snowden wäre ein guter Lizenzberater für SAP. Warum? Der walisische Systemtheoretiker entwickelte 1999 das „Cynefin-Framework“ – ein Modell, um Entscheidungen abzusichern. Danach basieren einfache Systeme auf Ursache und Wirkung, bei komplizierten Systemen bedarf es einer besonderen Analyse und genauen Wissens, um die Zusammenhänge zu durchschauen. Es dürfte Einigkeit unter den SAP-Nutzern herrschen, dass die indirekte Nutzung in den Bereich der komplexen Systeme fällt und hohe Kosten verursachen kann.

Was ist indirekte Nutzung?

Das Thema „indirekte Nutzung“ hat zwei Seiten. Einerseits geht es darum, dass Sie als Anwender SAP-Software direkt oder indirekt nutzen. Dafür benötigen Sie je nach Nutzung ein entsprechendes Nutzungsrecht in Form einer „Named User“-Lizenz. Auf der anderen Seite gibt es Applikationen, die SAP-Technologie nutzen. Dafür sollen SAP-Kunden ein entsprechendes Nutzungsrecht für die „SAP NetWeaver Foundation for Third Party Applications“ bei SAP erwerben. 

Alles andere als einfach: Die Nutzung durch den Anwender

Die Nutzung durch Sie, den Anwender, verlangt, dass jeder, der SAP-Software nutzt, dafür ein entsprechendes Nutzungsrecht besitzt – unabhängig davon, wie auf die SAP-Software zugegriffen wird. Die Beweispflicht liegt immer bei Ihnen, dem Kunden. Sie sind verpflichtet, bei jeder Applikation, die auf SAP-Systeme zugreift, zu überprüfen, ob „indirekte Nutzung“ vorliegt, den benötigten SAP-Lizenztyp zu bestimmen und zu wissen, wie viele User die Applikation nutzen. Die Applikation muss dabei auf SAP-Funktionen in SAP zugreifen. Und Sie als Kunde müssen feststellen, wer bereits über eine ausreichende SAP-Lizenz verfügt und wer nicht.

Als Beispiel wird häufig Salesforce.com angeführt. Wenn Sie sich als SAP-Kunde zum Beispiel gegen die CRM-Lösung von SAP entscheiden und stattdessen Salesforce.com an Ihre SAP-Systeme anbinden, werden unter Umständen trotzdem SAP-Funktionen (zum Beispiel aus dem SD-Modul) genutzt. Dafür verlangt SAP ein Nutzungsrecht. In diesem Fall müssen Sie als Kunde der SAP feststellen, ob dieser Anwender bereits über eine ausreichende „Named-User“-Lizenz verfügt. Hat ein Mitarbeiter bisher nur eine sogenannte „Employee“-Lizenz, dann reicht diese nicht aus, um auf das SD-Modul – zum Beispiel über Salesforce.com – zuzugreifen. In diesem Fall müssten Sie eine „SAP Professional User“- oder „SAP Platform User“-Lizenz nachkaufen und die vorhandene „Employee“-Lizenz könnte von einem anderen Mitarbeiter genutzt werden.

Kompliziert und teuer: „SAP NetWeaver Foundation for Third Party Applications“

Auszug aus der aktuellen PKL 2016:

Abbildung 1: PKL 2016/4 (Fassung: Oktober 2016) Seite 74
Abbildung 2: PKL 2016/4 (Fassung: Oktober 2016) Seite 75

Seit der SAP NetWeaver-Einführung wurde die Beschreibung immer wieder geändert. Ausschlaggebend ist, wann Sie die NetWeaver-Lizenz erworben haben, respektive zu welchem Zeitpunkt Sie zuletzt SAP-Lizenzen nachgekauft haben. Haben Sie vor drei Jahren zum letzten Mal SAP-Lizenzen nachgekauft, so gilt auch die PKL von vor drei Jahren.

Bis einschließlich der PKL 2016/1 haben SAP-Kunden mit dem Erwerb der NetWeaver-Lizenz lediglich das Recht erworben, SAP-Software auf einer SAP-Technologie (NetWeaver-Runtime-Umgebung) laufen zu lassen. Eigene Applikationen und Applikationen von Drittanbietern erforderten nach Auffassung von SAP ein gesondertes Nutzungsrecht, nämlich das der „SAP NetWeaver Foundation for Third Party Applications“-Lizenz. Aus juristischer Sicht ist es jedoch mehr als fragwürdig, ob neben dem Erwerb der sogenannten Developer-Lizenz tatsächlich noch eine weitere Genehmigung für den Betrieb und damit der Nutzung von Eigenentwicklungen einzuholen ist. Auch für zugekaufte Lösungen sollte im Einzelfall geklärt werden, ob das Urheberrecht von SAP verletzt wird. Seit der PKL 2016/2 und ebenso in der PKL 2016/3 geht es gar nicht mehr nur darum, ob SAP-Technologie genutzt wird oder nicht. Vielmehr geht es um die Nutzung einer SAP-Schnittstelle und um den Zugriff auf Informationen aus SAP-Anwendungstabellen.

Erkennen – analysieren – reagieren

Die „indirekte Nutzung“ ist kompliziert, weil sie stets neue Änderungen und Bedingungen umfasst, die nicht leicht nachzuvollziehen sind. Um herauszufinden, ob und welche Applikation lizenzpflichtig ist, empfehle ich Ihnen, die folgenden Analysen durchzuführen:

  1. SAP-Vertragsanalyse: Was habe ich wann gekauft und welche PKL (bezüglich der NetWeaver-Nutzung) habe ich damit anerkannt? Bei mehreren aktiven SAP-Verträgen gelten mitunter unterschiedliche Definitionen.

  2. SAP-Architektur-Analyse und Nutzungsanalyse: Welche „Third Party Applikation“ greift über eine Schnittstelle auf welche SAP-Anwendungsdaten zu? Oder wird nur auf eigene Daten in den SAP-Tabellen zugegriffen? Wie viele Benutzer nutzen diese Applikation? Ob die Applikation auf NetWeaver-Technologie läuft, ist nach der neuesten Definition unerheblich. Dies stellt eine Verschärfung der Definition dar, weil vor der PKL 2016/2 die Applikation auf Basis der NetWeaver-Technologie laufen musste. Das muss sie nach aktuell gültiger Definition nicht mehr.

Kennen Sie Ihre Lizenzsituation besser als SAP!

Nach diesen beiden Analysen, die das maximale finanzielle Risiko ermitteln, sollte eine juristische Prüfung erfolgen. Pro Applikation ist zu bewerten, ob eine Urheberrechtsverletzung vorliegt oder nicht. Nur weil SAP unterschiedliche Definitionen der NetWeaver-Technologie in ihre PKL schreibt, leitet sich daraus noch kein juristisch zu rechtfertigender Anspruch ab.

Während Vertragsanalyse und juristische Bewertung manuell durchgeführt werden, lassen sich System- und Nutzungsanalyse toolgestützt (etwa mit LicenseControl for SAP) durchführen. Die Systemanalyse der SAP kann den Tatbestand der indirekten Nutzung jedenfalls nicht feststellen. Als SAP-Kunde sind Sie selbst gefordert zu ermitteln, ob eine „SAP NetWeaver Foundation for Third Party Applications“-Lizenz erforderlich ist oder nicht. 

Das finanzielle Risiko kennen

Zusammengefasst: Wer versteht, mit welchem System er es zu tun hat, kann sein Vorgehen darauf abstimmen und verschafft sich Sicherheit. Wenn die Systemtheorie von Dave Snowden uns nicht überzeugt, wie wichtig es ist, Vertragsbedingungen zu überprüfen und komplexe Systeme in transparente Systeme zu verwandeln, dann hat das mit Sicherheit die Entwicklung der „indirekten Nutzung“ von SAP geschafft. 



Themen: SAP, SAM Insights




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